Keto-Küche · Nieren

„How Not to Die“ im Faktencheck: Was Gregers Bestseller richtig macht – und wo er übertreibt

Von Ketovavaria Veröffentlicht am Aktualisiert am

Bunter Teller mit Brokkoli, Blumenkohl, Beeren und Nüssen, Schälchen mit Linsen und Samen, davor eine große Lupe als Faktencheck-Symbol auf blau-weiß gerauteter Tischdecke mit Maibaum und Alpen.
Gemüse, Beeren, Nüsse und Linsen, davor eine Lupe als Zeichen für den Faktencheck · Bild KI-generiert

Eine Freundin hat das Buch verschlungen. Seitdem gibt es bei ihr kein Ei mehr, kein Öl und keinen Fisch. Beim Kochen fragt sie dich: „Weißt du eigentlich, was du da isst?“ Du stehst mit der Olivenölflasche in der Hand da und bist unsicher.

Gute Nachricht: Vieles im Buch stimmt. Mehr Gemüse, mehr Ballaststoffe, weniger Verarbeitetes – da sind sich Greger, die Leitlinien und wir einig. Bei Eiern, Fisch und Öl geht Greger aber weiter, als die Studien tragen.

Wir haben die wichtigsten Aussagen geprüft. Die Zeichen zeigen, wie gut etwas belegt ist: 🟢 gesichert (Leitlinie, Behörde, gute Studienlage), 🟡 Hinweise (kleine Studien, Beobachtung), ⚪ unklar.

Worum es im Buch geht

Michael Greger ist Arzt. Er hat NutritionFacts.org gegründet, eine gemeinnützige Seite, die sich nach eigenen Angaben über Spenden finanziert [4]. Sein Buch erschien 2015 und wurde ein Bestseller. Die deutsche Ausgabe erscheint bei Unimedica im Narayana Verlag. Seit Dezember 2025 gibt es eine englische Jubiläumsausgabe [1][3].

Wichtig für eine faire Lesart: Greger schreibt, er werbe „nicht für eine vegetarische oder vegane Ernährung“. Er will unverarbeitete Pflanzenkost und rät von Fleisch, Milch, Eiern und stark Verarbeitetem ab [2]. Gleichzeitig sagt er, es gebe „nur eine Ernährungsweise“, die die großen Krankheiten verhindern oder sogar umkehren kann [2]. Diesen Anspruch prüfen wir.

Das Buch hat zwei Teile. Teil 1 geht durch 15 Todesursachen, von Herzkrankheiten bis Nierenerkrankungen. Teil 2 heißt „Dr. Gregers Tägliches Dutzend“ [2].

Das „Tägliche Dutzend“ und Keto

Zwölf Gruppen sollen täglich auf den Teller. Die Portionen stammen aus einer Sekundärquelle [26]. Die Keto-Ampel ist unsere eigene Einordnung [27].

GruppePortionen/TagPasst zu Keto?
Hülsenfrüchte3❌ in Mengen; Tofu, Tempeh, Edamame ✔ in Maßen
Beeren1◐ nur kleine Portion
anderes Obst3❌
Kreuzblütler (Brokkoli, Kohl)1✔✔ Kern der Keto-Küche
Blattgrün2✔✔
anderes Gemüse2✔ kohlenhydratarme Sorten
Leinsamen1 EL✔✔
Nüsse und Samen1✔
Gewürze (v. a. Kurkuma mit Pfeffer)1✔
Vollkorn3❌
Getränke (Wasser, Tee)5✔
Bewegung1✔

Ergebnis: 8 von 12 Gruppen passen voll. Beeren gehen in kleiner Portion [27].

Wo Greger recht hat

Gemüse und Ballaststoffe

Die internationale Nieren-Leitlinie KDIGO 2024 rät zu mehr Pflanzlichem und weniger Hochverarbeitetem [8]. 🟢 Gemüse und Obst können außerdem Säure im Körper abpuffern. In einer Studie mit 108 Nierenpatienten wirkten sie über drei Jahre ähnlich gut wie Natron-Tabletten [17]. 🟡

Aber „pflanzlich“ ist nicht automatisch gesund. In einer großen Beobachtungsstudie senkte gesunde Pflanzenkost das Risiko für Nierenerkrankungen. Ungesunde Pflanzenkost erhöhte es [19]. 🟡

Verarbeitetes Fleisch

Die Krebsforschungsagentur der WHO (IARC) stuft verarbeitetes Fleisch seit 2015 als krebserregend ein. Rotes Fleisch gilt als „wahrscheinlich krebserregend“ [10]. 🟢 Wie groß das Risiko für den Einzelnen ist, wird noch diskutiert [11]. 🟡 In unserer Küche ist das ohnehin kein Thema: Bei uns gibt es kein Fleisch.

Pflanzliches Eiweiß

Eiweiß darf pflanzlich sein, muss aber nicht. Beide großen Nieren-Leitlinien bevorzugen pflanzliches Eiweiß, ohne es vorzuschreiben [8][9]. 🟢 Phosphor aus Pflanzen nimmt der Körper schlechter auf als Phosphat-Zusätze aus Fertigware. In einer kleinen Studie mit neun Personen sank der Phosphatwert im Blut nach einer Woche vegetarischer Kost [18]. 🟡

Für Keto heißt das: Tofu, Tempeh und Edamame können einen Teil des Eiweißes liefern. In Maßen und im Rahmen deiner Eiweißmenge [8][9].

Wo es wackelt

Kleine Studien sind keine Beweise

Greger verspricht im deutschen Untertitel, Krankheiten „bewiesenermaßen“ vorzubeugen und zu heilen [2]. Viele Kapitel stützen sich aber auf Beobachtungen. Die zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Wer sich gesund ernährt, lebt oft auch sonst gesünder.

Drei Beispiele:

  • Ornish 1998: 48 Personen starteten, 35 wurden nach fünf Jahren ausgewertet. Neben sehr fettarmer Kost gab es Bewegung, Stressabbau und Rauchstopp. Was davon wirkte, bleibt offen [13]. 🟡
  • Esselstyn 2014: 198 Patienten, aber keine Vergleichsgruppe [14]. 🟡
  • EPIC-Oxford: Vegetarier hatten 22 Prozent weniger Erkrankungen der Herzkranzgefäße. Dafür 20 Prozent mehr Schlaganfälle, vor allem Hirnblutungen [12]. Dieser Teil fehlt in der Werbung meist. 🟡

Eier: widersprüchliche Daten

Greger verglich Eier 2013 auf seiner Website mit Rauchen [6]. Das ist seine Position, kein Fakt. Die Studien widersprechen sich. Eine große Auswertung fand ein kleines Plus an Risiko [15]. Eine noch größere fand bis ein Ei am Tag keinen Zusammenhang [16]. ⚪ Moderate Mengen sind nicht als gefährlich belegt.

Fisch und Öl: strenger als jede Leitlinie

Fisch: Greger warnt vor Schadstoffen und empfiehlt Algenöl [7]. ⚪ Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät zu 1 bis 2 Portionen Fisch pro Woche [22]. 🟢 In EPIC-Oxford hatten Fischesser 13 Prozent weniger Erkrankungen der Herzkranzgefäße als Fleischesser [12]. Schadstoffe gibt es, aber je nach Sorte. Das ist ein Grund, Sorten zu wählen, kein Grund gegen Fisch.

Öl: Greger meint, Olivenöl schade den Gefäßen. Die Mittelmeerkost wirke „trotz und nicht wegen des Öls“ [7]. Die große spanische Studie PREDIMED fand mit Olivenöl rund 30 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse [21]. 🟡 Auch die DGE empfiehlt Pflanzenöle [22]. Deshalb kochen wir mit Olivenöl. Mehr dazu in Öle und Fette bei Keto.

Was Kritiker sagen

  • Harriet Hall (Science-Based Medicine, 2013) kritisiert „sweeping statements that go beyond the evidence“. Achtung: Sie bespricht Gregers Vortrag, nicht das Buch. Ihr Punkt: Vegetarier wiegen oft weniger. Der Effekt könnte also vom Gewicht kommen [23].
  • Jonathan Jarry (McGill-Universität, 2026) sagt, Greger stelle Pflanzen auf ein Podest. Ihn einen Scharlatan zu nennen, sei aber falsch. Greger nehme kein Geld von Firmen [24]. 🟡
  • Red Pen Reviews hat nur das Nachfolgebuch bewertet: 68 Prozent, Genauigkeit 2 von 4 [25]. Das gilt nicht für „How Not to Die“. („How Not to Diet“ (dt. Ausgabe) bei Amazon*)

Unfair finden wir Etiketten wie „Scharlatan“ oder den Satz „Der verdient doch am Buch“. Das trifft jeden Ratgeber. „Alles widerlegt“ ist so falsch wie „alles bewiesen“. Unsere Meinung: Die Richtung stimmt, die Details muss man einzeln prüfen.

Was wir in die Keto-Küche mitnehmen

Zwei Teller auf einer blau-weißen Rautentischdecke: links Bohnen, Kichererbsen, Vollkorn und Beeren, rechts ein gebratenes Lachsfilet mit Brokkoli, Zucchini und Spinat.
Typischer „How Not to Die“-Teller neben einem Keto-Teller (KI-generierte Illustration).
  • Kein Fleisch, nichts Hochverarbeitetes, keine Phosphat-Zusätze. Da sind wir mit Greger einig [8][10].
  • Gemüse zu jeder Hauptmahlzeit, zum Beispiel Brokkoli, Kohl, Zucchini, Gurke und Salat [17].
  • Olivenöl als Basis. Hier widersprechen wir Greger bewusst [21][22].
  • Tofu als Eiweiß-Akzent, dazu Eier und ab und zu Fisch.
  • Nüsse und Leinsamen in Maßen.

So sieht das auf dem Teller aus: Geröstete Brokkoli-Blumen, Bayerischer Krautsalat ohne Speck und Tofu-Brokkoli-Wok.

Geröstete Brokkoli-Blumen
Geröstete Brokkoli-Blumen (KI-generiert).
Tofu-Brokkoli-Wok
Tofu-Brokkoli-Wok (KI-generiert).

Weiterlesen: Den Film prüfen wir in The Game Changers im Faktencheck. Was aus beiden bleibt, steht in Pflanzenbetontes Keto bei Nierenerkrankung.

Hinweis für Menschen mit Nierenerkrankung

Bei chronischer Nierenerkrankung ab Stadium 3 nennt KDIGO 2024 meist 0,8 g Eiweiß pro Kilo am Tag, nicht mehr als 1,3 g [8]. Ehrlich gesagt: Das Ernährungsbild der Leitlinie für Zystennieren ähnelt Gregers Muster mehr als klassischem Keto. Sie nennt wenig Fett, viele Ballaststoffe und lieber pflanzliches Eiweiß [9].

Kalium passt die Leitlinie je nach Laborwerten an [8] – Greger hält die Sorge für „überschätzt“ [5]. Spinat und Mangold nicht in großen Mengen essen [4]. Sie enthalten viel Oxalat, einen Stoff, der Steine fördern kann. Viel Oxalat ging in einer Studie mit schnellerem Nierenabbau einher [20].

Bei Zystennieren rät die Leitlinie von 2025 ausdrücklich von Keto ab, solange Studien fehlen [9]. Deine Werte legt dein Behandlungsteam fest. Mehr dazu in Ist Keto schlecht für die Nieren?.

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Häufige Fragen

Ist „How Not to Die“ wissenschaftlich?

Teilweise. Die Grundbotschaft deckt sich mit DGE und KDIGO: mehr Pflanzen, weniger Verarbeitetes [8][22]. Das versprochene „Heilen“ stützen aber nur wenige kleine Studien [2][13][14].

Muss ich vegan leben, um gesund zu bleiben?

Nein. Greger wirbt selbst nicht für vegan [2]. Auch KDIGO rät nur zu mehr Pflanzlichem [8]. Eier, Fisch und Käse passen dazu.

Sind Eier jetzt schädlich oder nicht?

Die Daten widersprechen sich [15][16]. Moderate Mengen sind nicht als gefährlich belegt.

Warum lehnt Greger Olivenöl ab – und warum wir nicht?

Greger meint, Öl schade den Gefäßen [7]. PREDIMED fand mit Olivenöl rund 30 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse [21]. Deshalb bleibt Olivenöl unser Basisfett.

Passt das „Tägliche Dutzend“ zu Keto?

Teilweise. Acht von zwölf Gruppen passen voll, Beeren in kleiner Portion. Hülsenfrüchte in voller Menge, Obst und Vollkorn passen nicht [26][27].

Was ist an der Kritik dran?

Der methodische Teil: viele Beobachtungen, wenig Gegenbefunde [12][23]. Etiketten wie „Scharlatan“ sind dagegen nicht belegt [24].

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Passend dazu im Blog: Keto-Weihnachtsplätzchen: 8 Sorten, meist mit Mandelmehl

Quellen

  1. Greger M, Stone G. How Not to Die (deutsche Ausgabe). Unimedica im Narayana Verlag, ISBN 978-3-946566-12-0. Engl. Original: Flatiron Books, New York 2015; engl. „Tenth Anniversary Edition“: Pan Macmillan, Dezember 2025.
  2. Narayana Verlag: Leseprobe der deutschen Ausgabe (Inhaltsverzeichnis und Einführung, 42 S.), PDF: https://narayana-verlag.imgbolt.de/media/03/34/93/1787579218/excerpt_20587_de-DE.pdf
  3. amazon.de-Produktseiten: 394656612X (dt. gebunden), B01M0KZTRO (dt. Kindle), B0FCSF3Z3W (Jubiläumsausgabe engl.), 3962570020 (Kochbuch dt.), abgerufen 15.10.2026.
  4. NutritionFacts.org, Topic „Kidney Disease“, abgerufen 15.10.2026. https://nutritionfacts.org/topics/kidney-disease/ – NutritionFacts.org ist eine gemeinnützige Organisation nach eigenen Angaben (Spendenfinanzierung).
  5. Greger M. „Lower Protein Diet Proven to Help Kidney Disease“ (21.11.2022) und „Plant-Based Diet for Treating and Reversing Stage 3 Kidney Disease“ (24.04.2023). https://nutritionfacts.org/video/lower-protein-diet-proven-to-help-kidney-disease/ · https://nutritionfacts.org/video/plant-based-diet-for-treating-and-reversing-stage-3-kidney-disease/
  6. Greger M. „Eggs vs. Cigarettes in Atherosclerosis“ (11.03.2013). https://nutritionfacts.org/video/eggs-vs-cigarettes-in-atherosclerosis/
  7. Greger M. „What About Extra Virgin Olive Oil?“ (Blogbeitrag, 17.10.2017, akt. 30.01.2018). https://nutritionfacts.org/blog/what-about-extra-virgin-olive-oil/ – Gregers Fisch-Position („Fish Oil in Troubled Waters“) nur über Suchergebnis belegt, Original nicht abgerufen.
  8. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of CKD. Kidney Int 2024;105(4S). DOI 10.1016/j.kint.2023.10.018
  9. KDIGO 2025 Clinical Practice Guideline for the Evaluation, Management, and Treatment of ADPKD. Kidney Int 2025. DOI 10.1016/j.kint.2024.07.009 (Kap. 7, Tab. 18 und Practice Point 4.8.1)
  10. Bouvard V et al. (IARC). Lancet Oncol 2015;16:1599. DOI 10.1016/S1470-2045(15)00444-1
  11. Johnston BC et al. (NutriRECS). Ann Intern Med 2019;171:756. DOI 10.7326/M19-1621
  12. Tong TYN et al. (EPIC-Oxford). BMJ 2019;366:l4897. DOI 10.1136/bmj.l4897
  13. Ornish D et al. JAMA 1998;280:2001. DOI 10.1001/jama.280.23.2001
  14. Esselstyn CB et al. J Fam Pract 2014;63:356 (Fallserie, ohne Kontrollgruppe)
  15. Zhong VW et al. JAMA 2019;321:1081. DOI 10.1001/jama.2019.1572
  16. Drouin-Chartier JP et al. BMJ 2020;368:m513. DOI 10.1136/bmj.m513
  17. Goraya N et al. Kidney Int 2014;86:1031. DOI 10.1038/ki.2014.83
  18. Moe SM et al. Clin J Am Soc Nephrol 2011;6:257. DOI 10.2215/CJN.05040610
  19. Kim H et al. Clin J Am Soc Nephrol 2019;14:682. DOI 10.2215/CJN.12391018
  20. Waikar SS et al. JAMA Intern Med 2019;179:542. DOI 10.1001/jamainternmed.2018.7980
  21. Estruch R et al. (PREDIMED, neu publiziert). N Engl J Med 2018;378:e34. DOI 10.1056/NEJMoa1800389
  22. DGE: „Gut essen und trinken“, Infoblatt 2024.
  23. Hall H. „Death as a Foodborne Illness Curable by Veganism“. Science-Based Medicine, 12.02.2013 – Rezension von Gregers Vortrag, nicht des Buchs (2015). https://sciencebasedmedicine.org/death-as-a-foodborne-illness-curable-by-veganism/
  24. Jarry J. „Dr. Michael Greger's Bias Is Food for Thought“. McGill OSS, 29.01.2026. https://www.mcgill.ca/oss/article/medical-critical-thinking-health-and-nutrition-pseudoscience/dr-michael-gregers-bias-food-thought
  25. Red Pen Reviews: „How Not to Diet“ (Nachfolgebuch, 68 % gesamt; wissenschaftliche Genauigkeit 2/4). https://www.redpenreviews.org/reviews/how-not-to-diet/ – kein Review zu „How Not to Die“ (Übersichtsliste am 15.10.2026 geprüft).
  26. Wikipedia: „How Not to Die (book)“ – Portionszahlen des Daily Dozen (Sekundärquelle), abgerufen 15.10.2026.
  27. Eigene Berechnung (Ketovavaria): Keto-Ampel über die zwölf Daily-Dozen-Kategorien; 8 von 12 voll keto-kompatibel, Beeren nur eingeschränkt (kleine Portion).

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